Archive for September, 2009

Du sollst dir kein Bild machen

Du sollst dir kein Bild machen…….

von Jürgen Werth, Bautzen

Wir wissen aus der Bibel, dass wir uns kein Bild machen sollen.

Weder von Gott noch von dem, „was im Himmel und auf der Erde ist“ (2.Mo.20,4).

Kein Bild machen – wie sollen wir das verstehen, im Zeitalter der Digitalfotografie

Was ist ein Bild? Ein Bild ist eine Momentaufnahme,

es entsteht in einem bestimmten Augenblick. Nicht nur als Foto, sondern auch im Kopf. Wir machen uns von jemandem ein Bild und sagen uns:„So ist er“. Genau das meint das Gebot. Wir machen

uns ein Bild vom anderen. Und auch von uns selbst.

Früher gaben die Juden den Kindern Namen, mit denen sie etwas verbanden.

Ich möchte einen jungen Mann aus der Bibel vorstellen, der heißt Jabez. „Jabez war angesehener als seine Brüder. Und seine Mutter nannte ihn Jabez, denn sie sprach: Ich habe ihn mit Schmerzen geboren, mit Kummer habe ich ihn geboren. Und Jabez rief den Gott Israels an und sprach: Ach, dass du mich doch segnest und mein Gebiet erweiterst und deine Hand mit mir wäre und du schaffst, dass mich kein Übel bekümmere.

Und Gott ließ kommen, worum er bat“ (1.Chronik 4,9 f).

Jabez heißt also übersetzt „Schmerzensbringer“. Stellen wir uns mal vor, in einem Dorf kommt einer die Straße entlang und alle sagen: „Guckt mal, da kommt der Schmerzensbringer!“ Ein schöner Name!

Es gibt auch angenehme Namen. Samuel z.B. heißt übersetzt: „Von Gott erhört“. Oder Josia:„Den der Herr heilt“, oder „Den Gott unterstützt“. Hanna: „Gnade“ oder„ Die sich Beugende zum Gebet“. Oder David:„Geliebter“. So heißen meine Kinder.

Man kann also mit Namen gewisse Bedeutungen verbinden. Es gibt Namen, die einen in eine negative Ecke stellen und Namen, die die Eltern mit einem guten Wunsch verbinden. Jabez kann gar nichts dafür. Es wird nur berichtet, dass seine Mutter ihn mit Kummer geboren hat; mehr gibt die Bibel nicht preis. Vermutlich hatte die Mutter eine schwere Geburt.

Aber ihren Jungen gleich mit so einem Namen zu strafen?

Wir bekommen einen Namen und werden überhaupt nicht gefragt. Vielleicht haben wir im Leben mal daneben gelangt, eine falsche Entscheidung getroffen, oder wir kommen aus der falschen Familie. In meiner Familie war ich der jüngste von acht Geschwistern. Als ich unterwegs war, kam mein Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Meine Mutter hat noch einmal geheiratet, dann kam noch ein Stiefbruder dazu.

Als ich eingeschult wurde, gingen schon sechs meiner Geschwister in die selbe Schule. Der Name Werth löste bei den Lehrern eine Bildfolge aus, ich brauchte mich gar nicht anzustrengen. Als ich endlich schreiben gelernt hatte, konnte es meine Lehrerin nicht lesen. Sie sagte: „Das sieht ja furchtbar aus. Schreib das bis morgen noch mal!“ Das tat ich dann zu Hause; in der 1. Klasse machten wir ja noch, was die Lehrer sagten. Ich malte jeden Buchstaben und gab mir wirklich Mühe. Am nächsten Tag zeigte ich es der Lehrerin und sagte: „Tante, ich hab´s noch mal geschrieben.“ Sie schaute es an, dann schaute sie mich an und sagte: „Wenn ein Werth den Mund aufmacht, dann lügt er. Das hast doch nicht du geschrieben, sondern deine Schwester!“

Was hat die Lehrerin gemacht? Sie diente einem Bild. Ein Teil meiner Geschwister hatte etwas vor gelebt, und sie wusste: Ein Werth ist so. In dieser Zeit habe ich eines gelernt: Man kommt dort nicht heraus. Zu DDR-Zeiten war eine Familie mit neun Kindern anrüchig; heute machen die Leute schon bei vier Kindern dumme Bemerkungen. Bist du einmal abgestempelt, stehst du für immer in einer gewissen Ecke. Nur weil du aus so einer Familie kommst. In manchen christlichen Kreisen werden Ehepaare, die keine Kinder haben, schief angesehen – so, als ob sie gar keine wollten…

So geht es vielen von uns. Ein Erlebnis in der Familie, eine Fehlentscheidung – und alle wissen: Der oder die ist so. Alle Versuche, dort wieder raus zukommen, enden meistens an der Hartherzigkeit anderer. Ich habe kaum erlebt, dass Menschen, die versucht haben, ein negatives Image loszuwerden– gerade Alkoholabhängige oder im Leben Gescheiterte – das aus eigener Kraft geschafft haben. Immer waren andere da, die sagten:„Nein. Da haben wir schon so viel Negatives gehört, das wird nichts.“ So lebt das ganze Spiel in einer Wechselbeziehung: Ich werde festgelegt, und ich lege andere fest. Jeder von uns macht das. Auch mit den eigenen Lebenssituationen, in die wir hineingeboren wurden.

Ich habe früher oft Prügel bezogen, sicherlich auch zu Recht. Irgendwann las ich das Buch über Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Die beiden schworen sich gegenseitig, wenn sie das nächste Mal zu Hause Schläge bekommen, nicht zu weinen. Ich dachte: Das machst du auch. Wenn du wieder mal dran bist, weil du etwas ausgefressen hast, weinst du nicht! Lange musste ich nicht darauf warten;

Meine Mutter hatte meistens irgendeinen Grund, mir den Hintern zu versohlen. Und ich weiß es noch wie heute: Ich habe nicht geweint. Ich fand mich so cool. Meine Mutter wusste gar nicht, was los war, aber von diesem Tag an habe ich nicht mehr geweint. Das war so eine Festlegung in meinem Leben.

Welche Namen haben wir?

Vielleicht denkt manch einer von sich: „Eigentlich bin ich doch ein ganz dufter Typ.“

Aber die Frage ist: Wie nennen dich deine Arbeitskollegen oder deine Freunde, wenn du nicht dabei bist? Welchen Namen hast du dann? Das ist auch eine Frage an uns Christen: Welchen Namen haben wir als Kirche – egal, aus welcher wir kommen? In der Offenbarung steht: „Du hast den Namen, dass du lebst, aber siehe, du bist tot.“ (Offb. 3,1).

Welchen Namen geben uns die Menschen, die ohne Gott leben, wenn sie die Kirche beobachten?

Wisst Ihr, was ich von Kirche kannte? Als Kind schaute ich gerne Westernfilme, und manchmal kam da ein Kirchenchor vor mit so einer schrillen Oberstimme. Das war mein Bild von Kirche. Mehr wusste ich nicht, weder von Gott, noch von Jesus. Ich wusste nur: Dort wird schrecklich gesungen.

Welchen Namen dir die anderen geben, ist das eine. Das andere ist: Welchen Namen gibst du dir selbst? Es gibt Tagträumer, die denken, sie wären Clint Eastwood, mit dieser Steppenwolf-Mentalität.

In meinen Augen bin ich schon der coole Typ. Wenn ich mich im Spiegel sehe – mit mir kann ich am besten.’ Ich gebe mir einen Namen, indem ich mir eine Maske zulege. Auch eine fromme Maske. Dahinter kann ich mein eigentliches Ich verstecken. Diese Maske trage ich vor mir her, und alle denken: „Wow, der hat sein Leben voll im Griff!“

Oder gibst du dir selbst den Namen „Versager?“ – ,Ich kann nix. Wenn ich mich mit anderen vergleiche, was bin ich da schon …‘

Auch manchen Christen geht es so. Sie leben ihr Christsein, dann lesen sie Bücher von großen Glaubenshelden und denken: ,Wer bin ich schon dagegen?’ Auch manche Gemeinden vermitteln diesen Eindruck: ,Wer sind wir schon? Die anderen sind alle besser.’

Was tun wir da? Wir dienen Bildern. Wir haben ein gewisses Ideal, und das erreichen wir nicht. Dann denken wir: Eigentlich sind wir zu nichts zu gebrauchen. Wir sind zu klein, zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung –was auch immer. Wir leben in einem Gefängnis von Festlegungen. Und wir stecken andere mit hinein.

Leben mit Grenzen

Jabez erkennt seine Grenzen, und er tut etwas, das jeder von uns tun kann: Er schreit zu Gott. Er fängt nicht an, sich den Kopf mit Alkohol oder ähnlichem zuzuschütten.

Sondern „Jabez rief den Gott Israels an.“

Die Frage ist: Bist du in deinem Leben schon an deine Grenzen gekommen? Bist du an den Punkt gekommen, an dem du sagst:„Ich komme nicht weiter.“ Es muss ja nicht gleich eine handfeste Lebenskrise sein. Es kann der Ehepartner sein, mit dem du gerade nicht klar kommst, oder ein Arbeitskollege oder die Freunde. An seine Grenzen zu kommen, dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten.

In der Apostelgeschichte steht: „Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist,er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selbst jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen siewohnen sollen, damit sie Gott suchen, ob sie ihn wohl fühlen und finden können, und fürwahr, er ist nicht ferne einem jeden von uns.“ (Apg.17,24ff)

Gott hat den Menschen Grenzen gesetzt. Wozu? Damit sie ihn suchen! Es ist normal, dass wir mit unserem Leben früher oder später an Grenzen kommen. Es ist normal, dass Menschen uns festlegen. Wir können uns entweder mit dieser Festlegung abfinden und sagen: Ja, ich bin eben so; meine Eltern sind schuld, die Lehrer, die Umstände … Oder aber wir bringen unsere Not zu Gott.

„Jetzt bist du zu Hause“

Als ich 18 war, bin ich aus meinem Elternhaus rausgeflogen. In einem Streit hatte ich meine Mutter geschlagen. Nun lebte ich auf der Straße. Zu dieser Zeit arbeitete ich als Bäcker. So ging ich tagsüber in die Bäckerei, dort bekam ich etwas zu essen, konnte mich waschen, usw. Nachts schlief ich auf Parkbänken. In den ersten Nächten überlegte ich, wie ich mich aus dem Leben bringen könnte. Ich hatte aber Angst, es könnte weh tun. Dann hörte ich von einem jungen Mann, der allein in einem leer stehenden Pfarrhaus lebte. Dort ging ich hin, klingelte und fragte: „Hast du ‘ne Bude für mich?“ Er sagte:„Klar, komm rein“, zeigte mir ein paar Zimmer, und ich konnte einziehen. Dann sagte er:„Komm zu mir rüber, dann kriegst du was zu essen.“ Frank, so hieß er, setzte sich neben mich und unterhielt sich mit mir. Anfangs dachte ich, was ist das für einer. Der war so freundlich zu mir, das war ich nicht gewohnt. Ich hatte zwar Bekannte, aber dass sich jemand so um mich kümmerte, war schon seltsam.

Dann bekam ich mit, dass Frank Christ ist und es damit ernst meint.

In meiner Schulklasse waren einige Mädchen, die ein Kreuz um den Hals trugen. Manche von ihnen gingen in die Kirche. Aber wenn es darum ging, zu trinken, zu rauchen und dieses Partner-wechsle-dich-Spiel zu spielen, waren sie voll dabei. Sie unterschieden sich von uns durch nichts. Außer dass sie sonntags in die Kirche gingen. Von daher interessierte mich das nicht weiter.

Aber Frank lebte anders.

An einem Samstagvormittag kam ich aus der Bäckerei, und das Pfarrhaus war voller junger Leute. Frank sagte: „Die machen hier ‘ne Rüstzeit.“ Ich dachte: ,Rüstzeit? Alle Welt spricht von Abrüstung, und die Christen machen Rüstzeit. Was ist das?’ Von geistlicher Zurüstung hatte ich keine Ahnung. Sie luden mich ein, und ich landete mitten in einer Gebetszeit. Sie redeten mit Gott, so als ob der da wäre! Eigenartig. Ich wusste: Kirche – das ist schrille Oberstimme und vorgefertigtes, ernstes Gebet.

Und nun diese jungen Leute: So wie sie mit mir redeten, so redeten sie mit Gott!

Nun geschah das, was mir in meinem Leben sehr oft passiert ist: Ich gehörte nicht dazu. Und ich dachte, damit ich dazugehöre, muss ich ein Gebet auswendig sprechen wie sie. Dort lag ein „Gebetsbuch für junge Leute“ herum; das griff ich mir und lernte ein Gebet auswendig. Als sie dann wieder zum Singen und Beten zusammen kamen – ich hätte nie gedacht, dass man so viel beten könnte –wollte ich mein Gebet sprechen. Aber ich hatte alles vergessen. Vor lauter Aufregung stammelte ich irgendwas zusammen wie „Jesus, du siehst mein kaputtes Leben. Mach was draus!“ Das hörte einer der Leute und sagte:„Jürgen, komm, wir gehen mal nach nebenan. Ich erklär dir das.“

Dann versuchte er mir zu erklären, um was es eigentlich geht. Nur leider habe ich als Heide kaum etwas davon verstanden. Er sagte z.B.: „Das Lamm ist für dich geschlachtet.“ Wenn man am Vormittag von der Arbeit kommt und es auf Mittag zugeht, dann weiß man, worum es geht: Es gibt bald etwas zu essen. Eigenartig wurde es nur, als er sagte, dass das Blut für mich geflossen sei…

Warum bin ich schließlich Christ geworden?

Er sagte mir doch tatsächlich: „Du kannst dein altes Leben beenden und nochmal neu anfangen.“ Das verstand ich. Vieles begriff ich überhaupt nicht, aber das leuchtete mir ein. Ich hatte auf der Straße

gelebt und kam mit meinem Leben nicht weiter. Ich fragte ihn: „Ja, was muss ich denn machen?“

Er sagte:„Das ist ganz einfach. Wir knien uns jetzt hier hin, ich spreche dir ein Gebet vor, und du sprichst es nach.“

Er kniete sich hin, ich kniete mich neben ihn. Er fing an und sagte: „Herr Jesus, ich komme zu dir, wie ich bin. Ich bitte dich um Vergebung, dass ich bisher ohne dich gelebt habe. Bitte komm in mein Leben. Du sollst von nun an der Herr in meinem Leben sein.“

Als ich das nachgesprochen hatte, passierte etwas in mir, was sich hier in Worten schlecht ausdrücken lässt. . Es war, als hätte jemand in einer lauten Werkhalle sämtliche Motoren abgestellt. Plötzlich war absolute Stille in mir, und in meinem Herzen war eine Stimme, die sagte:„Jetzt bist du zu Hause Von diesem Moment anmerkte ich, wie Gott in mein Leben kam und es veränderte.

„Herr, ich will. Aber ich kann nicht.“

Worum geht es eigentlich im Christsein? Wir können die Bibel von vorn bis hinten durchlesen – die Botschaft, um die es geht, ist: Verwandlung. Da war etwas kaputt, aber Gott nimmt es und macht es heil. Was kaputt war, wird neu. Jemand hat dich festgelegt in deinem Leben – vielleicht hast du dich selbst hinein manövriert, wie auch immer – aber Gott hat die Möglichkeit, etwas zu beginnen, weiterzuführen oder zu verwandeln, damit es wieder neu wird.

Jabez betet: „Herr, erweitere meine Grenzen.“ Das kann jeder Mensch beten. An dem Tag, als ich mein Leben mit Jesus begonnen hatte, fragte mich der junge Mann noch, ob ich meinen Eltern vergeben könnte. Ich sagte: „Nein, das will ich gar nicht. Ich wüsste nicht, warum ich meinen Eltern vergeben sollte.“ Wir hatten uns im Hass getrennt.

Gott veränderte das Stück für Stück. Ich fing bald damit an, von Jesus zu erzählen.

Ich war begeistert, weil ich merkte: Andere hatten mich abgeschrieben, aber er nimmt mein Leben und macht etwas daraus.

Aber dann stellte ich fest: Ich kann nicht anderen Menschen von Jesus erzählen und mit der eigenen Familie im Krieg leben. Irgendwann kam ich an den Punkt, dass ich mich gern mit meinen Eltern versöhnen wollte. Aber ich konnte nicht. Ich weiß noch, allein die Vorstellung, meinem Stiefvater zu begegnen, war wie eine Mauer vor mir.

Vielleicht kennst du das: Da ist jemand, der dich absolut enttäuscht hat. Er hat dich verletzt, dich vielleicht in irgendeiner Form missbraucht und ausgenutzt. Und jetzt kommt diese Frage der

Vergebung. – „Nein, beim besten Willen nicht. Dem nicht!“

Mir ist in dieser Zeit ein Gebet wichtig geworden: „Herr, ich will. Aber ich kann nicht.“ Ein einfaches Gebet, das sich schnell lernen und beten lässt. Es ist auch ein richtiges Gebet. Wenn wir nämlich

beten: „Herr, ich will. Und ich kann auch“, dann fangen wir an, zu rotieren. Dann versuchen wir, uns selbst anzustrengen und noch geistlicher zu werden, noch mehr Bibel zu lesen, noch mehr zu beten, noch mehr zu fasten…Nichts gegen das alles. Aber wir wollen es aus eigener Kraft hinbekommen.

Erst mit dem Eingeständnis „Herr, ich will ja. Ich will ja vom Alkohol wegkommen, von meinen Abhängigkeiten, von meiner Unversöhnlichkeit…aber ich kann nicht“ – erst mit dieser Bankrotterklärung geben wir Gott die Möglichkeit, uns zu verändern.

Zwei Jahre später war ich wieder bei einer Rüstzeit. Als wir im Altarraum der Kirche zum Beten versammelt waren, stand plötzlich die Frau des Pfarrers vor mir. Sie war einen Kopf kleiner als ich und sagte zu mir: „Stimmt’s, Jürgen, du könntest jetzt heulen.“ Ich wusste gar nicht, was los war.

Heulen? Ich? Dem Schwur aus meiner Kindheit, nie wieder zu weinen, war ich treu geblieben. Später hatte ich sogar Karate trainiert, um nach außen keine Gefühle zu zeigen. Ein harter Kerl sein – das ist doch was. Zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl! Und jetzt sagte diese Frau zu mir, ich könnte heulen? Ich sagte: „Nein, ich wüsste nicht, warum.“

Was sie dann tat, kommt mir im Nachhinein vor wie direkt aus dem Herzen Gottes:

Sie kam einfach einen Schritt auf mich zu, nahm meinen Kopf, zog ihn an sich heran und streichelte einmal darüber. Im selben Moment brach ich wie vom Blitz getroffen zusammen und habe zwei Stunden lang nur geheult. Ich heulte mir den ganzen jahrelangen Frust und Hass von der Seele. Nach den zwei Stunden stand ich auf und spürte in meinem Herzen: Ich habe meine Eltern lieb. Gott hat den Hass aus meinem Herzen weggenommen. Da sagen: Hey, ich habe meine Eltern lieb!

Eine Woche später fuhr ich nach Hause, mit einem Kreuz um den Hals, und klingelte.

Mein Stiefvater kam raus:„Was willst denn du hier?“

„Äh, ich will mit euch reden.“

„Musst du reinkommen.“

Drinnen stand meine Mutter:„Was willst du denn?“

„Mit euch reden.“

„Um was geht’s denn?“

„Ich wollte euch um Verzeihung bitten.“

„Ach so?“ Dann entschuldigte ich mich bei meinem Stiefvater. Ich hatte nie wahrgenommen, dass er meine Mutter mit acht Kindern geheiratet hatte. Von ihm hatte ich auch niemals Schläge bekommen. Danach bat ich meine Mutter um Verzeihung für das, was ich ihr angetan hatte.

Die beiden schauten sich an, und meine Mutter sagte:„Jürgen, wir haben auch Mist

gebaut. Vergessen wir, was gewesen ist und gehen neu miteinander weiter.“

Seitdem habe ich ein super Verhältnis zu meinen Eltern. Gott hat es wieder hergestellt.

Grenzerweiterungen

Vor ein paar Jahren lief ein ganz normaler VW Golf vom Band. Den kaufte jemand, fuhr eine Weile damit herum, brauchte ihn dann nicht mehr und gab ihn bei einem Autohändler ab. Später kaufte ein ZiVi den Golf, und der Vorbesitzer wurde Papst. Das erfuhr der ZiVi und verkaufte das Auto im Internet für das Vielfache des normalen Verkaufswertes.

Das ist Verwandlung: Aus etwas völlig Alltäglichem wird – wie auch immer – etwas Besonderes.

Es geht nur darum, dass es der Richtige in die Hand bekommt.

So ist es mit meinem Leben und mit dem von vielen anderen. Selbst wenn etwas hoffnungslos festgefahren oder festgelegt erscheint – Gott hat es längst nicht abgeschrieben.

Er sagt zu dir: „Ich habe jede Menge Ideen für dein Leben. Willst du sie mit mir zusammen umsetzen?“

Jabez betet: „Herr, erweitere meine Grenzen!“

Wir brauchen drei Grenzerweiterungen.

Die erste ist die im Blick auf uns selbst. Wenn andere uns festgelegt haben und wir vielleicht denken: Ja, ich bin so, ich kann nicht anders – hören wir auf damit!

Egal wie jung oder alt wir sind, wie kaputt wir uns fühlen oder wie fit – unsere Haltung sollte sein: „Herr, wenn du mit meinem Leben noch etwas vor hast – lass es mich wissen! Erweitere meine Grenzen im Blick au mich selbst.“Wir dürfen uns nicht einreden: Wir können nix, wir sind nix, wir haben zwei linke Hände und nur Daumen dran…

Die zweite Grenzerweiterung ist die im Blick auf andere.

Wir dürfen niemals jemanden festlegen. Ich habe auf der Straße gelebt. Wenn ich an die Menschen denke, die mich damals abgeschrieben haben…

Ich schaffte nur den Abschluss der 8. Klasse und mit Mühe und Not meine Bäckerlehre.

Heute rufen mich Leute an, ob ich ihnen nicht einen Rat geben könnte, weil in ihrem Leben etwas kaputtgegangen ist.

Ich bin Geschäftsführer in einem christlichen Hilfswerk. Gott hat mich in den Verkündigungsdienst berufen. Ich habe die gleiche Ausbildung wie der Prophet Amos. Die Berufung Gottes.

Andere fragen mich weil ihr Computer nicht geht, und ich kann ihnen helfen. Manchmal gleich vom Telefon aus.

Ich sage das nicht, weil ich so ein dufter Typ bin, sondern weil Gott etwas, das weggeworfen und zerstört war, völlig wiederherstellen und etwas Gutes daraus machen kann.

Aus meinem Leben und aus jedem anderen. Schreiben wir niemals jemanden ab!

Es gibt immer noch eine Hoffnung.

Die dritte Grenzerweiterung, die wir brauchen, ist die im Blick auf Gott.

Die Bibel sagt nun mal, wir sollen uns kein Bild von Gott machen, und wir lieben Christen tun das fast sonntäglich. Wir wissen schon am Anfang der Woche, wie der Gottesdienst am Sonntag abläuft, wie was zu

gehen hat, oder? Und wehe, wenn es nicht so läuft, wenn unser Gottesdienst mal gestört wird! Es ist wichtig, auch Gott nicht zu begrenzen. Sondern dass wir vor ihm sind und sagen: „Herr, du kannst noch mehr tun, als du bisher getan hast.

Und wir bitten dich darum.“

Am Schluss betet Jabez: „Herr, lass mich kein Übel bekümmern!“ Das ist wichtig.

Wenn wir mit Gott leben, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass alles gut geht.

Auch als Gläubige erleben wir richtig schwere Zeiten. Darum betete Jabez das.

Im Urtext steht: „Lass mich kein Übel bekümmern weg von dir.“

Gebet: Gott, schenke mir die Gnade, dass ich an dir dran bleibe wenn es mir gut geht und ich mich richtig wohl fühle, wenn ich gesegnet und versorgt bin. Aber auch, wenn ich alt werde, wenn Krankheit kommt, wenn Verzweiflung kommt, wenn Dinge in meinem Leben nicht laufen, wie ich sie mir vorstelle – auch dann schenke mir die Gnade, dich nicht loszulassen. Egal, ob es mir richtig gut geht oder ich durch ein tiefes Tal muss,

Herr, bitte hilf mir, den Plan für mein Leben mit dir zu entdecken. Schenke mir die Gnade, herauszutreten, wo andere mich festgelegt haben, dass ich vergeben kann, und in das hineinzuwachsen, was du für mein Leben bestimmt hast! Amen.

Jürgen Werth ist verheiratet mit Conny. Sie haben vier Kinder und arbeiten im Offenen sozial-christlichen Hilfswerk in Bautzen. Der Text ist die bearbeitete Fassung einer Predigt.

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